Web-Kolumne: Gute Medien, schlechte Medien
Neue Medien sind immer ein Erfolg, könnte man vermuten, wenn die Prognosen der Analysten oder Volumen der UMTS-Versteigerung Sinn machen. Ich will zeigen, dass man aus vergangenen Entwicklungen der Medien einiges lernen kann.
Erinnert man sich an längst vergangene Zeiten, und das ist im Medienzeitalter alles, was vor dem Internet lag, hat man die Entwicklung der Stereoschallplatte vor Augen. Ein gutes Produkt, weil es der Tatsache, dass der Mensch zwei Ohren hat durch eine technische Verbesserung Rechnung getragen hat. Es ist in ein erheblicher Unterschied, ob man ein Konzert in Mono oder Stereo geniest. Der Aufwand bei der Umstellung der Produktionstechnik war erheblich, aber es hat sich gerechnet.
Kurz darauf kammen "Siebengescheite" auf die Idee, das Publikum mit Quadrophonie zu beglücken. Eine scheinbar schlaue Geschäftsidee denn die Zahl der verkauften Lautsprecher verdoppelt sich und außerdem können alle nochmals einen neuen Plattenspieler kaufen. Doch man hatte vergessen, dass der Mensch weiter nur zwei Ohren hat und damit war der Misserfolg vorhersehbar. Was aber wohl kaum jemand erwartet hätte ist, dass nicht nur das Autoradio sondern alle erdenklichen Abspielgeräte heute Stereo-Anlagen sind.
Eine ähnlich Entwicklung beim Fernsehen: Zunächst waren die Bilder schwarzweiss und haben damit das menschliche Auge mit seiner Fähigkeit zum Farbsehen nur unzulänglich erfreut. Bald kam das Farbfernsehen und zuerst hat man geglaubt, dass dies nur für einige wenige Tier- und Galasendungen Sinn macht. Willy Brandt war noch 1967 bei der Vorstellung des Farb-TVs unter dem Funkturm der Meinung, Nachrichten würden wohl immer s/w bleiben.
In den achziger Jahren, nachdem jeder einen Fernseher hatte, sollte der Ersatz durch hochauflösendes Fernsehen (HDTV) angekurbelt werden. Die Idee: Scharfe Bilder (optisch scharfe!), locken mehr Zuschauer an. Völlig falsch: Die meisten Leute sitzen ohne Brille vor dem Fernseher und wollen nur berieselt werden, während sie ihr Bier trinken. Und bis heute findet man kein HDTV-Fernsehen.
Ende der Achtziger eine neue Idee: Der Mensch braucht interaktives Fernsehen. Es wurde daher in den USA ein Projekt mit einem Milliardenbuget aufgelegt, das dies mit dem Internetprotokoll ermöglichen sollte. Und wie ging es aus? Das Internetprotokoll, das wir heute benutzen hat die Nummer IP4, bald gibt es IP6, ach ja, IP5 ist jenes für Interaktives Fernsehen.
Zur gleichen Zeit hat jemand das Problem, verschiedene Informationen aus dem Internet schnell abzurufen mit ca. hundert Programmzeilen gelöst. Das war der erste Webserver. Ein konkretes Problem, wurde gelöst, und inzwischen lösen fünfhundert Millionen das Probelm auf die gleiche Weise. Das schlichte HTTP- Protokoll hat IP5 locker überlebt.
Jeder Mensch will mal eben jemanden Anrufen, und daher ist ein Telefon eine praktische Sache. Richtig nützlich wird es, wenn man im Stau steht und mitteilen kann, dass es noch eine Stunde länger dauert, bis man kommt. Daher gibt es mobile Telefone - inzwischen mehr als festangebundene.
Aber was hilft es mir, wenn ich im Stau ein Foto des Staus, das man Dank eines UMTS Handys machen kann, meinem Gesprächspartner zumailen kann? Ich denke, da muss man nochmal nachdenken.
Wie neue Medienbegriffe bekannt werden wurde natürlich auch untersucht.
Eduard Heindl
Tübingen, den 1. März 2001
