Pfad: www.heindl.de - Startseite  -  Web-Kolumne  -  Flatland oder der Bildschirm ist flach
 Kontakt  Impressum  AGB 

Web-Kolumne: Flatland oder der Bildschirm ist flach

Seit Dürer wissen wir in Deutschland, dass man perspektivisch zeichnen kann. Es war wohl eines der aufregendsten Erlebnisse, als die Menschen diese Bilder erstmals sahen, die durch die Zentralperspektive den Betrachter in eine räumliche Welt entführten, obwohl diese doch nur eine Zeichnung auf einem Blatt war. Für uns ist heute diese Darstellung völlig normal, da wir uns durch die fotografische Abbildung, die nichts anderes als eine perspektivische Darstellung ist, völlig daran gewöhnt haben. Es ist eine Eigentümlichkeit der menschlichen Wahrnehmung, dass wir auch mit einem Auge die Welt dreidimensional erfassen und ein Auto in der Ferne keineswegs als Spielzeugauto in der Nähe interpretieren.

Inzwischen ist allerdings eine technische Revolution hereingebrochen. Neuerdings ist es möglich, auch auf normalen PCs dreidimensionale Objekte virtuell zu bewegen. In einer Qualität, die noch vor 20 Jahren völlig undenkbar schien.

Diese Möglichkeit ist außerordentlich faszinierend und wird vor allem bei Videospielen intensiv genutzt. Geht man jedoch ins Internet, so findet man kaum vergleichbare Darstellungen.

Woran liegt´s?

Technisch ist das Präsentieren von dreidimensionalen Objekten seit Einführung der Programmiersprache VRML (1996) im Internet kein Problem. Inzwischen sind auch fast alle Browser fähig, dieses Datenformat zu präsentieren. Auch der Datentransfer ist kaum aufwendiger als für hochwertige Fotos oder gar Videos im Internet. Ich vermute jedoch, daß es einerseits wenig zusätzliche Information bringt, wenn ich im Internetkaufhaus ein Handy virtuell bewegen kann, da mir bereits klar ist, wie solch ein Objekt in der Realität aussieht, zum anderen mein Auge die zweidimensionale Abbildung bereits dreidimensional wahrnimmt. Nein, der entscheidende Kaufimpuls kommt weniger durch die Art der Abbildung zustande als vielmehr durch die technischen Details und natürlich den Preis.

Nun argumentieren Vertreter von 3D-Software mit der Möglichkeit, etwa Kleidung damit anschaulicher zu präsentieren, doch hier haben die Modefotografen längst erkannt, daß es weniger die dreidimensionale Perspektive als vielmehr auf die Wohlgeformtheit des Models ankommt, das die Kleidung trägt. Und ist mir nicht die Optik, sondern der Stoff wichtig, so werde ich wohl noch für einige Zeit die nächste Boutique aufsuchen müssen, um ihn zu erfühlen. Auch andere Produkte, die scheinbar gut für eine dreidimensionale Darstellung geeignet sind, etwa ein Auto, kaufe ich erst nach einer Probefahrt und weniger deshalb, weil ich virtuell die Türen öffnen konnte. Damit läßt sich wohl begründen, warum E-Commerce in 3-D noch weniger Verbreitung gefunden hat als in 2-D.

Andere Versuche die Dimension zu verändern sind allerdings auch schon gescheitert, denn der Benutzer hat sonderliche Vorlieben beim Menue.

Eduard Heindl
Tübingen, den 15. Februar 2001


Inhaltsverzeichnis der Web-Kolumne