Web-Kolumne: Der Mensch lebt in einer anderen Welt als der Computer
Die Frage, inwieweit neue Technologien Organisationen verändern und vielleicht sogar Führungsaufgaben übernehmen können, soll hier aus einer weiteren Perspektive betrachtet werden.
Zunächst einige Kerneigenschaften des Menschen, die ihn zur Zeit gegenüber einer Maschine weit herausheben.
- a) Der Mensch ist in der Lage, enorme Mengen an Information im Hintergrund bereit zu halten, um daraus in komplexen Situationen eine nahe dem Optimum liegende Extrapolation in die Zukunft zu finden. Daraus leitet er Handlungsrichtungen ab, die letztendlich in Führungsleistung umgesetzt werden.
- b) Der Mensch kann mit anderen Menschen auf mehreren Ebenen gleichzeitig kommunizieren und insbesondere äußerst feinfühlig Rückmeldungen des Gegenübers wahrnehmen. Alle aktuell verfügbaren Medien sind nicht in der Lage ein persönliches Gespräch zwischen zwei Personen auf Distanz vollständig zu emulieren und, was ein weiteres Problem ist, eine Gesprächsgruppe über Distanz vollwertig aufzubauen.
- c) Menschen handeln aus unbewussten Motiven wie Machtaufbau, Partnersuche, Egoismen, religiöse Ideen und nicht zuletzt aus Eitelkeit. Fast alles Kategorien, die nur in persönlichem Miteinander ausgelebt werden können und die von Rechnersystemen aktuell in keiner Weise abgebildet werden.
Dem stehen die Fähigkeiten der Computer und elektronischer Datentransportsysteme gegenüber.
- d) Zentrale Rechner im Internet wie z.B. die Suchmaschinen (Google), können bereits heute aus über drei Milliarden Dokumenten täglich 150 Millionen Anfragen sinnvoll und in Echtzeit beantworten (sub second response). Die dazu verwendeten Ressourcen sind jedem frei zugänglich und es werden praktisch völlig offen gelegte Verfahren eingesetzt, sowohl auf der Prozessor als auch auf der Softwareebene.
- e) Die Datentransfergeschwindigkeit zwischen den Kontinenten genügt, um alle Menschen über Bildtelefon zu verbinden, die Kapazität verdoppelt sich jährlich.
- f) Die Leistung der Rechnersysteme verdoppelt sich alle achtzehn Monate, allerdings wird auf Grund verschiedener Begrenzungen, die in der Systemarchitektur und der Softwareentwicklung liegen, nur ein linearer Zuwachs wahrgenommen. Dies kann aber auch eine neue Form des Weber-Fechner-Gesetzes sein, das dem Menschen immer eine logarithmische Empfindung zuschreibt.
Menschen verstehen nur Menschen
Führung bedeutet, dass es einem Menschen gelingt, einem anderen Menschen eine Aufgabe so übertragen, dass er diese erfolgreich durchführt. Dazu bedarf es der Motivation des Arbeitnehmers und der Kontrolle durch den Arbeitgeber.
Motivation beruht immer auf Motiven und wichtige Motive wurden unter c) angesprochen. Diese Motive sind auf Grund unserer biologischen Wurzeln, die nur allzu häufig von sachorientierten Analytikern geleugnet werden, nur von Menschen übertragbar. Von wenigen, pathologischen Fällen abgesehen, wird sich kein Mensch in einen Computer verlieben, seine Gruppenposition in Relation zu einem Rechnersystem stellen oder die Eitelkeit durch lobende Worte eines Computers ausbauen.
Die alltägliche Erfahrung, dass ein Computerexperte scheinbar stolz auf seine Fähigkeiten ist, verdunkelt, dass dieser Stolz nur innerhalb einer menschlichen Gruppe lebendig werden kann, keinesfalls isoliert oder innerhalb einer Gruppe von Computern.
Die Schwierigkeit, Menschen zu motivieren, zeigt sich auch in den misslungenen Versuchen des E-Learning. Der isolierte Mensch an der Maschine ist kaum bereit, mit der gleichen Intensität Neues aufzunehmen, wie er es in einer Gruppe gleich gesinnter ist. So wird die Bereitschaft, in klassischen Trainingsveranstaltungen Wissen aufzunehmen dadurch erzeugt, dass der Mensch als Gruppenwesen bevorzugt die gleichen Handlungen wie die anderen Gruppenmitglieder vollzieht. Die Leistung des Trainers liegt im Herstellen der Rahmenbedingungen und in der vorbildlichen Kompetenz. Dem Trainer wird dann gemeinsam nachgeeifert, ein Effekt, der bei gut umgesetzter Führung ebenfalls zum Geltung kommt (Führung durch Kompetenz).
Kontrolle von Leistung ist in jedem System notwendig, sie muss aber bei einer komplexen Aufgabe multidimensional erfolgen. Das in der klassischen Produktion einsetzbare Maß, die Stückzahl, ist für die Produkte des Informationszeitalters nur sehr unzulänglich. So kann ein neu geschriebenes Programmmodul weder an Hand der Codezeilen, noch an Hand der Arbeitsstunden, die dafür aufgewendet wurden, sinnvoll beurteilt werden.
Erst die später sichtbaren Qualitäten wie Fehlerfreiheit, Performance und insbesondere die Allgemeinheit der Lösung, zeigen den wahren Wert des Produkts. Diese Bewertung kann also erst wesentlich später erfolgen, als es für ein motivierendes Kontrollsystem sinnvoll ist. Die Führungskraft ist daher auf intuitive Einschätzung der Leistung angewiesen, die natürlich viele Resultate der Vergangenheit, in der dem Menschen gegebenen Allgemeinheit, einbezieht.
Aktuelle Leistungen der Maschinen
Die Fähigkeit von Computern, sehr große Datenmengen in kurzer Zeit zu verarbeiten für die ein Mensch unvergleichlich länger brauchen würde, führt zu einer extremen Überschätzung der wahren Fähigkeiten. Dies liegt daran, dass der Computer Daten und nicht Wissen verarbeitet. So kann ein Computer bis heute keine Dokumente auf der inhaltlichen Ebene verarbeiten. Alle Informationen, die eine Suchmaschine aus Internetseiten extrahiert, sind von minimaler Qualität im informationstechnischen Sinn. Dass trotzdem brauchbare Resultate ausgegeben werden, liegt an dem Wissen, das Menschen, etwa in Form von Hyperlinks, in das Internet gestellt haben. Wie gering das Verständnis der Computer für die Inhalte ist, zeigt sich auch in der relativ einfachen Möglichkeit, das Resultat zu manipulieren.
Noch erbärmlicher ist es um die Kommunikationsfähigkeit zwischen Maschinen gestellt. Heute können zwei Rechnersysteme keine Information austauschen, ohne dass vorher durch aufwendige Anpassungsmaßnahmen ein Austausch durch Ingenieure vorbereitet worden ist. Selbst zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen und Sprachräumen können sich auf Anhieb besser verständigen als zwei an das Internet angebundene Systeme.
An dieser Stelle wird nochmals der eklatante Unterschied der Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen klar, Maschinen können extrem große Datenmengen austauschen, ohne geringsten Wissensaustausch. Menschen haben erhebliche Probleme große Datenmengengen auszutauschen, jedoch die Fähigkeit Wissen weiterzugeben.
Führung von Menschen durch Computer
Nach dem bereits Vorgestellten wird sofort klar, dass Computer heute nicht für Führungsaufgaben geeignet sind. Computer können keines der Primärmotive menschlichen Handelns, außer materiellem Gewinn, ansprechen. Computer können keine eigenständige Kontrolle in wissensbasierten Tätigkeiten ausüben, da ihnen das Verständnis für die erbrachte Leistung fehlt.
Damit bleibt die Unterstützung von Führungskräften durch Rechnersysteme. Diese Unterstützung ist auf der sachlichen Ebene, wie sie etwa von einer Stechuhr geleistet wird möglich. Ein Rechner kann beliebig schnell berechnen, wie viel Arbeitszeit "hinter" der Stechuhr verbracht wurde und ob es Auffälligkeiten gibt, wie zu spätes Erscheinen. Eine moderne Arbeitswelt will aber gerade diesen naiven Messwerten weniger Beachtung schenken als der erbrachten Gesamtleistung.
Es bleibt die Fähigkeit des Rechners, verschiedene statistische Kenngrößen aus einer breiter gewordenen Datenbasis herauszurechnen. Damit riskiert die Führungskraft einer Fehlinterpretationen von statistischen Größen zu erliegen. Bereits heute werden von vielen Führungskräften auch einfachste Zahlenwerte, wie sie im E-Commerce auftreten, in ihrer Bedeutung nicht verstanden.
Auf der anderen Seite schwindet mit dem Maß an Kontrolle das Vertrauensverhältnis der Mitarbeiter zur Führung, da diese mit diesen Maßnahmen offen zeigt, dass sie nicht an die Motivation der Mitarbeiter glaubt.
Weitere Entwicklung
Wenn sich die Entwicklung der elektronischen Systeme in gleicher Weise wie in den letzten fünfzig Jahren fortsetzt, ist absehbar, dass der Großteil, heute vom Menschen in der Arbeit geleisteten Aufgaben, von Maschinen übernommen werden. Dies bedeutet aber nicht, dass Maschinen die Aufgabe von Führungskräften für Menschen übernehmen, sondern, dass es Maschinen gibt, die andere Maschinen "führen" und dass die Menschen den Rat bei Maschinen suchen, wenn es um optimale Entscheidungen geht.
Genau so, wie die menschliche Arbeitskraft für mechanische Leistungen in Fabriken nahezu vollständig eingespart wurde, wird die menschliche Arbeitskraft im Bereich Wissensarbeit verschwinden, weil sie zu schwach ist. Längerfristig werden nicht nur Fitnesszentren für den Körper sondern auch solche für den Geist entstehen.
Klassische Führungsaufgaben werden wieder mehr im politischen Bereich zu finden sein, so wie es vor der Industrialisierung bereits war.
Siehe auch: Die Informationen heben ab
Eduard Heindl
17. Februar 2003
